unplugged.at: text #56 / martin krusche / portraits

(Medizin, Österreich, Steiermark, Bezirk Weiz, Gleisdorf)

• Portrait: Gernot Spitzer / Zahnarzt
Von Martin Krusche

Ein beschädigter Zahn ist unerfreulich. Aber man kann aus heutiger Sicht schlimmere Probleme haben. Der erfahrene Arzt weiß allerdings: "Zähne sind biologisch mit einem speziellen Schmerzempfinden belegt." Die Natur hat zwei grundlegenden "Vitalfunktionen" des Menschen körperlich und seelisch äußerst stark betont.

"Wehrfähigkeit und Freßfähigkeit" seien auch in der Psyche des modernen Menschen mit besonderen Bedeutungen verknüpft. Weshalb Spitzer seine Aufgabe darin sah, die Behandlung so zu gestalten, "daß der Patient damit umgehen kann." Womit umgehen? Mit jener Angst, die unausweichlich, biologisch bedingt, bei Zahnbehandlungen mit ins Spiel kommt.

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"Es ist doch sehr bequem, wenn ich einfach sage: Der Indianer kennt keinen Schmerz." Ein problematisches Ideal, vielleicht noch aus Zeiten, da die Menschen durch die Medizin kaum von Schmerzen befreit werden konnten. Spitzer beschreibt seine Orientierung so: "Wenn der Mensch weinend herein kommt, soll er lachend hinausgehen können."

Nach der Ausbildung zum praktischen Arzt hat der aus St. Ruprecht / Raab stammende Mediziner in Deutschland und in der französischen Schweiz Erfahrungen gesammelt. "Fürs Zettelschreiben hab ich nicht studiert", begründet Spitzer seine Neigung zu weiterführenden Schritten. "Behandeln heißt Hand anlegen", betont der Arzt die praktische Seite. Und Kooperation. Etwa mit Internisten. Denn es gebe "einen intensiven Zusammenhang der Zähne mit den Organen des Menschen." Es gehe also nicht nur um Handfertigkeit und Know how rund um die Mundhöhle. "Der Einser als Referezzahn für die Nieren ..." und andere "Repräsentanzen" verbinden den ganzen Leib mit dem Gebiß.

Spitzer hat seine Ordination 1973 in Gleisdorf eröffnet. Und sie nun an seinen Sohn Gernot übergeben. Schon am Anfang seines Weges stand die unmißverständliche Klarheit: "Ich muß etwas tun, was den Menschen viel unangenehmer ist als Blutdruck messen." Weshalb Spitzer meint: "Ich war mit zwei Stühlen für mein Gefühl ausgelastet." In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre stieg rundum die Zahl der Behandlungsplätze in den Ordinationen rasant. "Bei sechs Stühlen kann man auf die Menschen nicht mehr eingehen."

Die Zahnheilkunde wurde, wie die Chirurgie, über die Friseure zur Medizin, erinnert Spitzer an die Historie. Zahnreißende Bader und Bohrer, die per Pedal angetrieben werden, sind aber längst Geschichte. In der Zahnklinik hat Spitzer seinerzeit noch Maschinen erlebt, bei denen ein Elektromotor seine Kraft über kleine Riemen bis zum Handstück überträgt. Ende der 1960er-Jahre kam mit dem "Airotor" die durch Druckluft betriebene Bohrmaschine in Gebrauch. In den 70ern wurde das Nachmodellieren der Originalform von Zähnen üblich. Ab den 80ern half Panoramaröntgen bei der Abklärung von Problemen.

Die ständigen technischen Fortschritte machen handwerkliches Geschick keineswegs überflüssig. Das Arbeiten an kleinen Dimensionen war für Spitzer auch ein Hobby. "Schnitzen und Formen, das habe ich in meiner Freizeit gerne gemacht." Modellieren aus Wachs, das Anfertigen einer Gußform, auch das Herausfräsen von Gegenständen aus einem Kunststoffblock. Spitzer griff ebenso zu Hammer und Eisen, um einen Lindenholzblock zu bearbeiten. Oder Balsaholz mit einem Taschenmesser. Nun habe seine "Zahnphase" geendet, sagt Spitzer. Er widmet sich für die kommenden Jahre (gemeinsam mit seiner Tochter Lisbeth Ficzko) der Dentalhygiene.

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